Donnerstag, 20. März 2014

Statussymbol Laufen

Hallo meine Lieben.

Kaum ist das Kind ein Jahr alt, wird man von sämtlichen Seiten gefragt: "Und? Läuft er schon?"
Nein, er läuft noch nicht. Und das ist auch gut so (noch...).


Denn krabbeln ist, laut inzwischen zweier (unabhängig voneinander) Aussagen von Physiotherapeutinnen, so gut für Rumpf und Rücken. Je länger ein Kind krabbelt, umso besser für diese Muskulatur.
Aber ich gebe ja zu, dass es mir schon lieb wäre, wenn Paul so ab Mai mit dem Laufen beginnen würde und dann so ab Mitte Juni (ab da rechne ich mit einem Geburtsstart) relativ sicher laufen würde.
Das würde mir hier mit zwei kleinen Kindern natürlich einiges erleichtern.
Aber für jetzt habe ich mich völlig davon befreit, dass andere Kinder schon laufen, dass es von manchen Seiten erwartet oder erhofft wird, dass mein Kind auch bald läuft.
Kurz bevor Paul ein Jahr alt wurde, habe ich den wirklichen Knüller erlebt.
Ich sprach mit einer Frau aus unserem Stall und diese stellte die berühmte Frage: "Läuft er denn schon?"
Ich antwortete knapp: "Neee..."
Sie dann (allen Ernstes): "Waaas? Noch nicht? Also mein Sohn..." (*gähn') "...der lief schon mit 9 Monaten!" kurze Denkpause... "Ach nee, noch nicht ganz. Aber mit 10 Monaten, da lief er frei."
Ich führte gedanklich kurz meinen Zeigefinger gen Mund und deutete ein Kotzen an.
Am liebsten hätte ich gefragt, ob ihr Sohn inzwischen Uni-Professor oder Olympiasieger irgendeiner sportlichen Disziplin sei.
Ich hab's mir erspart.
Ich habe ihr erklärt, dass mein Sohn sich das noch nicht traut und seine Zeit kommen wird.
Sie wollte mit erzählen, dass ich das fleißig mit ihm üben sollte.
Ab da habe ich auf Durchzug gestellt.

Ich verstehe die Eltern ja, wenn sie sich freuen und stolz sind, dass ihr Kind etwas Neues kann. Zum Beispiel laufen. 
Obwohl ich gestehen muss, ich habe diesen Stolz so nie verspürt. Paul hat sich zeitlich relativ entsprechend dem Durchschnitt entwickelt. Mit dem Hochziehen war er wohl recht schnell, wie ich zu hören bekam. Und auch so hörte ich 2-3 Mal, dass er ja fit sei für einen Jungen. 
Mir war das eher peinlich, als dass ich vor Stolz platzte.
Ich habe mich immer über jeden Entwicklungsschritt meines Kindes gefreut.
Ich halte aber nichts von diesen Vergleichen. Und selbst wenn nicht direkt mit einem anderen Kind vergleichen wird, so ist es ein Vergleich, wenn man sagt, ein Kind sei ja früh dran.
Die Leute sagen so etwas gerne. Von ihren Kindern. Von anderen Kindern.
Ist es doch ein Zeichen für... ja, für was eigentlich? 
Soweit ich weiß, hat noch jedes gesunde Kind laufen, sprechen, hüpfen, schneiden, was weiß ich was gelernt.
Ich liebe mein Kind so, wie es ist. Ich liebe ihn, weil er es ist, der meinem Bauch ganz plötzlich ein warmes Gefühl beschert, wenn er mich anschaut, anlacht oder ich ihm beim Schlafen zusehe.
Ich liebe ihn nicht mehr, weil er etwas besonders früh oder besonders gut kann.
Ich will meinem Kind immer zeigen und zu fühlen geben: Du bist genau so richtig, wie du bist.
Du bist etwas wert, du bist geliebt.
Ich will nicht, dass mein Kind das Gefühl bekommt, dies würde ich abhängig machen von irgendwelchen Fähigkeiten.
Und ich möchte das auch für mich so. Ich möchte nicht mit meinem Kind angeben, weil es irgendetwas besonders früh oder gut kann.

Nicht falsch verstehen, ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn Eltern stolz auf ihre Kinder sind. Ich frage mich aber oft, woher kommt dieser Stolz und warum? Wenn ich selbst etwas durch viel Mühe geleistet habe, oder etwas besonders gut hin bekommen habe, ja, dann habe ich einen Grund auf mich stolz zu sein.
Aber bezüglich ganz normaler Entwicklungsschritte erschließt sich mir persönlich dieser Stolz nicht. 
Und auch anderen Dingen nicht. Dinge, wo ich stolz bin:
Zum Beispiel, dass Paul sich viele Tage mehrere Stunden am Stück fast ununterbrochen allein beschäftigt. Dass Paul, als meine Schwester letztens abends auf ihn aufgepasst hat, sich total brav hat ins Bett bringen lassen und sofort eingeschlafen ist.
Vielleicht bin ich deshalb stolz darauf, weil ich unbewusst denke, dass ich da gewisse Aktien drin habe. Dass er durch mein bisheriges Verhalten und "Erziehung" so geworden ist. Wer weiß...

Zurück zum Laufen:
Ich staune auch oft nicht schlecht, wenn die Kleinen Zwerge so mit 12 Monaten durch die Gegend tapsen. Ich finde das furchtbar niedlich und schaue ihnen gerne zu.
Ich habe mal gelesen, dass Kinder im Durchschnitt mit 14 Monaten laufen. Bis 18 Monate sollten sie das dann spätestens tun. Unser Kinderarzt würde mit 16 Monaten erstmals drauf schauen, warum ein Kind noch nicht läuft.
Also, Paul mit seinen knapp 13,5 Monaten und bekennender "Nicht-frei-Steher-und-Läufer" liegt noch überhaupt gar nicht außerhalb irgendwelcher Normbereiche.
Alles irgendwo zwischen 10 und 18 Monaten ist normal.
Aber warum wird von so vielen (still) erwartet, dass ein Kind um den ersten Geburtstag herum alleine laufen wird?
Eine Frage, die sich mir wohl nie beantworten wird.

Kommentare:

  1. Was ich persönlich immer abgelehnt habe, waren diese "Hilfen": "Ihr müsst mit dem Kind an den Händen das laufen lernen", Lauflernwagen etc. Mein Standpunkt: Das lernt das Kind von ganz alleine! Wir haben dann einen Lauflernwagen geschenkt bekommen, das Kindchen hat kurz damit gespielt, aber losgelatscht ist sie irgendwann von alleine! ;)
    Freu dich auf die ersten tapsigen Schritte, es ist soooo süß! :D
    Liebe Grüße & Grüße an den kleinen Zwerg + Zwerg inside! ;)

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    1. Oh, ich war mal kurz davor, einen Lauflernwagen zu kaufen. Bei der Windelbar gibt es immer wieder mal von einer bestimmten Firma so ein tolles, buntes Teil mit Motorik-Sachen noch dran. Irgendein Instinkt sagte mir: Tu es nicht.
      Was ich später las, gab mir Recht: Sie sollen eigentlich alleine laufen lernen und es dient einer unnatürlichen, nach vorn gebeugten Haltung mit dem Gewicht nach vorne auf dem Wagen.
      Also wirklich schlimm wird so ein Wagen nicht sein und das soll jeder machen, wie er meint, aber ich habe mein Kind bisher noch nie in irgendwas gefördert sondern war immer der Meinung, dass er sich schon von selbst entwickeln wird. Nachhelfen würde ich nur dann, wenn es echt weit außerhalb des Normbereichs ist und Ärzte dies anraten (ich fand eine Mama ausm Rückbildungskurs toll, die ihre 6 Monate alte Tochter, die sich noch nicht drehte, entgegen der Empfehlung der Ärztin nicht zur Krankengymnastik schicken, sondern erstmal weiter abwarten wollte. Das Mädchen war gesund und fit und zufrieden und hatte zu der Zeit den Fokus auch eher auf das "Sprechen" gelegt.)

      An den Händen laufen tut Paul auch nur ganz selten. Er verlangt es auch nicht... was er macht: sich an unseren Hosenbeinen festkrallen und hinter uns her laufen.
      Oder natürlich alles mögliche vor sich her schieben.
      Manchmal, wenn ich keine Lust habe, mich zu bücken und ihn zu tragen, schnappe ich mir eine Hand und lasse ihn ein Stück daran laufen. Ist aber echt selten. Auch da habe ich gelesen, dass dies eine unnatürliche Haltung gibt und das will ich nicht.
      Der wird schon alleine laufen. Irgendwann. Und ja, natürlich freue ich mich darauf! Ich bin in unserer Krabbelgruppe ja auch mega entzückt von den beiden Jungs, die seit wenigen Wochen laufen. Zu niedlich!

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  2. Ach, irgendwann laufen sie schon los. Ich hätte es lieber gesehen, wäre der Käfer mal ganz normal losgekrabbelt und hätte sich dann hochgezogen, um dann das laufen zu üben. Wie du schon geschrieben hast, das ist wohl auch besser für die Haltung. Vor allem später zeigt sich, ob es nicht doch ein Tick zu früh war und ob das Krabbeln nicht doch gefehlt hat.
    Aber stolz sein... ich bin natürlich stolz auf mein Kind. Es ist nicht ganz treffend, das Wort. Es ist einfach so ein Glücksgefühl. Ich freu mich tierisch, wenn sie was neues kann. Weil es einfach süß ist und schön und sie sich darüber auch freut. Und da kommt es nicht auf den Zeitpunkt drauf an.... Ich wäre auch ausgeflippt, wenn der Käfer erst mit 18 Monaten die ersten Schritte gemacht hätte. Verstehst hoffentlich was ich meine... :)
    Also.. lass sie anderen reden und warte es einfach ab. Jungs lassen sich doch eh mehr Zeit dafür.

    Liebe Grüße
    Tanja

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    1. Genau! Es ist kein Stolz. Es ist Glück. Und Liebe. Pur!
      Es durchströmt einen und gerade dann, wenn man etwas neues entdeckt. Aber ich finde eben, "Stolz" ist das nicht. Du verstehst, was ich meine. Das ist schön :-*

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  3. Wart's nur ab, eines Tages steht er auf und tapst dir entgegen ;) Mich nerven diese "also mein Kind hat", "aber euer Kind sollte dann" usw Gequatsche. Wir Menschen sind nunmal alle individuell und so lernen wir auch. gut, dass du dich davon nicht beirren lässt und dein Kind seinen Weg finden lässt. Wer weiß, vielleicht wird dein Kind dafür schneller trocken oder redet besser oder besteht sein Abitur mit 1,0, während das andere Kind mich Ach und Krach seinen Realschulabschluss schafft ;)

    ganz liebe Grüße

    Nadja

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    1. Genau. Oder er wird der erste allseits beliebte Bundeskanzler. Wer weiß das schon? ;)

      Ja, dieses Gequatsche nervt total. Ich bin nur froh, dass wir das bei uns in der Krabbelgruppe so überhaupt nicht haben. gut, nun sind wir auch nur noch zu viert (bzw. inzwischen sogar zu dritt), aber man hört es ja doch oft, dass dort, wo sich einige Mütter treffen, diese Aussagen häufen. Habe ich wohl Glück gehabt :)

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  4. So wie ich es in meinem Verwandten und Bekannten, die Seite meines Mannes eingeschlossen, wahrnehme, ist das doch ein ewiges Ding... Schläft er/sie schon durch? XY hat aber dann und dann schon durchgeschlafen, krabbelt er/sie schon? Meiner aber so und so... Läuft er/sie schon? Aber XY hat das schon 2 Monate früher gemacht... Spricht er/sie denn schon? bla bla bla. Es geht dann weiter mit Essen ohne rumschweinern, trocken werden, und immer so weiter. Auf familiären zusammentreffen, geht es dann bei den einen um den Kindergarten, wer da schon so ganz tapfer ist und tolle Sachen macht, dann die Schule, lesen, rechnen, schreiben? Ach, dass konnte XY schon alles vorher... bis hin zum ABI...
    Auf sowas freue ich mich schon besonders....
    Liebe Grüße
    Anna

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    1. Ja, das stimmt. Es ist wirklich ein ewiges Ding.
      Das "Laufen" war jetzt bei mir halt aus aktuellem Anlass. Hatte auch kurz überlegt, den Artikel "Statussymbol Kind" zu nennen... aber so passte es inhaltlich besser.
      Klar gibt es immer wieder Leute, die es einfach nur fragen aus Interesse, um sich auszutauschen oder um überhaupt ein Gesprächsthema zu haben. Also jetzt überhaupt aus keiner "Gemeinheit" heraus. Trotzdem nervt das einfach manchmal.
      Weil man sich immer verpflichtet fühlt, jetzt irgendwas tolles, zufriedenstellendes zu sagen. Und kann man das nicht, hat man Angst, beim Gegenüber schlecht dazustehen. Davon muss man sich total frei machen. Mir ist es zum Glück recht gut und schnell gelungen, aber das ist bestimmt nicht immer und für jede/n so einfach...

      Puh, bei dir klingt das ja echt so, als könntest du dich da auf etwas gefasst machen... Aber gut, dass du das im Vorfeld schon erkannt und beleuchtet hast, du hast sicher gutes Potential, dir ein dickes Fell wachsen zu lassen ;)

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  5. Ich verstehe genau was du meinst. :)


    Ich habe dich übrigens zum Liebsten Blog Award nominiert und würde mich freuen wenn du mitmachst und meine Fragen beantwortest. http://ich-und-du-und-du.blogspot.de/2014/03/liebster-blog-award.html

    LG
    Ka

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    1. Ah, witzig... noch bevor ich deinen Kommentar hier gelesen habe, habe ich bei dir was kommentiert, wo ich dich genau verstanden habe ;)

      Ja, habe ich vorhin gesehen... Wurde vor ein paar Wochen schon mal nominiert und habe mich bisher gut gedrückt :D
      Aber ich werde das die Tage schaffen. Eigentlich mache ich sowas ja auch gerne :)

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  6. Zur Ergänzung der netten Kommentare hier: Meine drei Söhne sind ALLE auf den Tag genau mit 16 Monaten und vier Tagen gelaufen (Def. des Laufens: Zehn Schritte am Stück, dann Popoplumpser :)
    Es war Gold wert - keine aufgeschlagene Stirn, keine anderweitigen Verletzungen - sie konnten es dann einfach und waren dann sicher. Und Traglinge sind die Lütten noch lange - ob sie nun laufen können oder nicht :)
    Liebe Grüße
    Julika

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